Die Bilderwirkerei ist eine Kunst, die schon in der Zeit vor Christus bekannt war. Für die Musterung zog man farbige Fäden mit der Hand in eine Hochkettel Längsfäden ein, wie es heute noch von Naturvölkern im Orient oder in den Anden praktiziert wird. Für diese handwerkliche Kunst sind keinerlei Mechanismen notwendig. In dieser Technik stellte man reich gemusterte Stoffe für Tafeltücher, Prachtgewänder und Teppiche her, die mit zu den schönsten Kunstwerken des Altertums gehören.

Im Gegensatz zum Weben mit Schussfäden über die gesamte Kettbreite, ist beim ,,echten Gobelin" der Fadeneintrag nur auf die Ausdehnung der betreffenden Musterfläche begrenzt.
Der älteste erhaltene Bildteppich in Deutschland wurde um das Jahr 1000 hergestellt. Die im Mittelalter, vor allem in Brüssel und Arras gefertigten Bildteppiche, waren von ausgesprochener Schönheit und schmückten Kaiser- und Königsschlösser, sowie Klöster und Kirchen.
Sie stellten Legenden und Szenen aus dem biblischen und höfischen Leben dar.

Bedeutung der Jacquardtechnologie
I
m 15. und 16. Jahrhundert erblühte die Bilderweberei in Frankreich. Gewirkte und gewebte Bildteppiche bezeichnet man als "Gobelin" nach der Pariser Bild­Teppichwirkerei "Manufacture Nationale des Gobelins", die im 16. Jahrhundert im Gebäude der Färberfamilie Gobelin gegründet wurde.
Mit der Einführung der nach Joseph Maria Jacquard benannten Maschine, wodurch für die Musterung eine mechanische Einzelfadensteuerung der Kettfäden an Webstühlen möglich wurde, trat eine große Verbilligung der bisher durch reine Handarbeit teuren Bildteppiche ein.
Von Frankreich aus wurde schon bald in Deutschland die neue Jacquardtechnik für die Herstellung bildhafter Motive auf mechanischen Webmaschinen übernommen.
Die Bilderweberei hatte in der Region Hohenstein-Ernstthal und Lichtenstein eine über 100 Jahre alte Tradition und wird heute noch in der Schauwerkstaft des Museums nach alten Vorlagen praktiziert.
In Belgien, sowie einer Manufaktur in Dänemark wer­den noch Gobelinbilder vorrangig mit Motiven des Biedermeier gewebt.

Das Textil- und Rennsportmuseum mit seiner historischen Jacquardweberei

Jahrhunderte lang gehörte in Sachsen das Klappern der Webstühle zum Leben der Menschen und bildete ihre Existenzgrundlage. In Konjunkturzeiten waren 70% der arbeitenden Bevölkerung in der Textilindustrie tätig.
Nach dem massiven Zusammenbruch dieses Industriezweiges 1991 sind heute nur noch wenige Jacquard Webereien übrig geblieben. Seit 1995 gibt es in Hohenstein-Ernstthal ein Textil- und Rennsportmuseum. In einer alten Textilfabrik aus dem vorigen Jahrhundert werden dem Besucher umfassende Einblicke in das schwere, aber auch kreative Leben sowie dem sozialen Umfeld der arbeitenden Menschen geboten.
Das Weben von Gobelinwandbildern, Möbel-bezugsstoffen und Decken war eine spezielle Handwerkskunst einheimischer Weber. Die historische Jacquardweberei des Museums, die alle Arbeitsgänge des Webens vom Entwurf bis zum Jacquardgewebe auf funktionstüchtigen Maschinen dokumentiert, vermittelt einen Einblick in eine Weberei um 1930.
Ein umfangreicher Fundus an Fachliteratur, Jacquardstoffen, Musterentwürfen und Patronen zeigt die künstlerische Fertigkeit der Webereien der letzten 100 Jahre.